Die van Oecklen-Orgel in Wirdum

Der Name des Dorfes Wirdum im Osten der Provinz Groningen ist von der Bezeichnung für einen künstlich aufgeschütteten Hügel, der Wierde, abgeleitet. Solche Aufschüttungen schützten die Bewohner bereits viele Jahrhunderte vor dem Deichbau vor den häufig auftretenden Hochwassern und sind, hier meist als Warft oder Wurt bezeichnet, auch in den deutschen Küstengebieten vielerorts vorhanden. Die damalige reformierte Kirche stammt bereits aus dem 13. Jh; sie wird durch eine frühe Phase der Romanogotik gekennzeichnet.
Ein Vorgängerinstrument stammt ebenfalls von einem Orgelbauer namens van Oecklen (auch van Oeckelen). Dieser war offensichtlich ein vielseitig begabter Handwerker; immerhin bezeichnete man ihn auch als 'orlogiemaker’ (Uhrwerkbauer) später dann als ‘uurwerkmaker, orgelspeelwerk- und pianomaker und winkelier' (Ladenbesitzer). Er betrieb sein Geschäft von 1821 - 1828. 1878 wird der Orgelbau durch Petrus van Oecklen und Söhne fortgesetzt; er besteht bis 1928. Petrus van Oecklen konnte sich als erfolgreiche unternehmerische Persönlichkeit schnell Respekt in seinem Beruf verschaffen.
Insider zählen ihn zu den größten Orgelbauern des 19. Jh. und dies sowohl bei Quantität und Qualität. Sein Werk, auf das man wie die Schöpfungen vieler seiner Zeitgenossen eine Zeit lang herabsah, erfährt erst in neuerer Zeit die verdiente Wertschätzung. Seine Instrumente erwiesen sich über 150 Jahre als äußerst solide gebaut und haben unüberhörbare klangliche Vorzüge. So wird die Viola da Gamba als Spezialität des Hauses von Kennern gerühmt.

Nach Unterlagen im Archiv des Kirchenvogtes wurde die Orgel 1879 zum Preise von 1400 Gulden fertig geliefert, dabei verwendete man Material aus dem Jahr 1845 für Windladen und Pfeifenwerk und erstellte ein neues Manual. Alle Registerzüge befinden sich oberhalb des (einzigen) Manuals, wobei es wegen des angehängten Pedals keine weiteren Züge gibt. Der Prospekt weist eine interessante Gestaltung auf; er gliedert sich in fünf Teilen um einen Mittelturm, der symmetrisch durch zwei flachere Felder rechts und links mit den kleineren Seitentürmen verbunden ist. Eine weitere optische Auflockerung wird durch den teilweise entgegengesetzten Verlauf der Labien erreicht. Leider hat man später eine für van Oecklen typische Bekrönung entfernt.
Von dem heute existierenden Pfeifenbestand stammen der Bassteil der Holpijp 8' und das Violoncel 16' im Diskant von 1879, während der Rest wahrscheinlich auf das Jahr 1849 zu datieren ist. Dabei konnte man einige Modifikationen wegen einer generellen Tonhöhenänderung erkennen. Details zur Disposition sind auf der Web Site von Sygsoft , dem Schöpfer des Sample-Satzes der Wirdumer Orgel nachzulesen. Nach einigen kleineren Ausbesserungsarbeiten, Umgestaltung der Windversorgung und Entfernen von Jalousien wird 1995 die Firma van der Putten zunächst mit einer gründlichen Beurteilung des Zustandes beauftragt.
Die Restauration beginnt dann 1999 mit den Windladen, Beseitigung von Windlecks und Arbeiten an den Pfeifen. Offensichtlich war das Orgelkommitee der Stiftung Alte Groninger Kirchen mit dem Klang wegen "zu vieler" Modifikationen nicht einverstanden; deshalb wird der Winddruck erhöht und dazu eine neue Windversorgung installiert. Für die erneut durchgeführte Intonation orientiert man sich an Instrumenten aus der gleichen Bauperiode in Westeremden and Niekerk. 2002 sind die Arbeiten dann abgeschlossen.
Tatsächlich sind sieben Register (genau 6 1/2) vorhanden, die folgende Disposition ergeben: Violoncel 16' (erst ab MIDI# 60), Prestant 8', Bourdon 8', Viola di Gamba 8', Octaaf 4', Quint 3', Woudfluit 2'. Die gleichen Register erscheinen auch unabhängig wählbar im Hauptwerk-Instrument, das Violoncel nun in der 4'-Lage. Den hölzernen Bourdon 16' im Pedal hat Sygsoft von der Haringe-Orgel 'entliehen'.
Der virtuelle Spieltisch zeigt einmal die Manualregister, die sich für das Pedal mit leichten Abwandlungen wiederholen. Die zur Verfügung stehende Fläche erlaubt große Manubrien, die beim Vorbild mit in Porzellan gebrannten Schildern versehen sind. Um wahrscheinlich wenigstens etwas Arbeitsplatzatmosphäre zu schaffen, hat man einen Teil des Vorbild-Spieltisches daneben abgebildet. Erfreulicherweise blieb auch noch Raum für 10 Kombinationenspeicher mit Setz- und Löschtaste.
Das Fenster mit der Anzeige der Windversorgung gibt den aktuellen Stand der Windvorrates an; wichtiger dürfte jedoch die Einschaltmöglichkeit für die Geräusche von Manual-, Register und Pedaltraktur sein. Ein Glockenschlag lässt sich ebenfalls aktivieren; er erklingt etwas entfernt und läuft so lange durch, bis man ihn abstellt. Per Voreingestellung ist der Wind bei Inbetriebnahme an; schaltet man ihn ab, solange noch Töne klingen, dann verlieren diese nach kurzer Zeit an Tonhöhe und verstummen dann.

Virtueller GesamtspieltischWindversorgung und Hilfseinstellungen

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Die Orgel steht auf a = 440 Hz mit gleichschwebender Stimmung, daher lassen sich auf 440 Hz bezogene Temperament-Dateien anderer Instrumente unmittelbar einsetzen. Die Nachhallzeit von (geschätzt) etwas mehr als 2 s passt ausgesprochen gut zu den klanglichen Proportionen der Orgel. Sie hat natürlich auch Einfluss auf den RAM-Bedarf des Sample-Satzes, der für jede Note mit drei Release-Layers und Multi-Loops ausgestattet ist. Mit der größtmöglichen Qualität von 24 Bit /48 kHz geladen werden ohne Komprimierung etwas mehr als 2 GByte Speicher benötigt. MIt Kompromissen wie 16-Bit-Wiedergabe und Kompression werden nur knapp über 800 MByte belegt.
Das Van-Oecklen-Instrument ist ein gutes Beispiel dafür, dass man auch mit wenigen Registern eine Orgel schaffen kann, auf der es sich gut musizieren lässt, wenn man nicht unbedingt auf einem Zungenchor oder Einzel-Lingualen besteht. Allerdings empfiehlt sich doch eine Nachintonation, mit der man Lautstärkeunregelmäßigkeiten einiger benachbarter Pfeifen oder abfallende Tendenzen innerhalb des Manualumfangs in Grenzen ausbügeln kann. Etwas verwirrend ist zunächst, dass das Violoncel-Register nicht das tut, was man von ihm erwartet. Besonders konnte (nach einigem Intonationsaufwand) der Bourdon 8' gefallen; für das Spielen der Haydnschen Flötenuhr-Stücke, von vielen Komponisten als Ausgangsmaterial für diverse Transkriptionen verwendet, eignet sich dieses Register ungewöhnlich gut. Weitere Demo-Clips gibt es auf den Sygsoft-Seiten; umfassen Kompositionen bis zum (von Fred de Jong live gespielten) Priere von Guilmant.

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