Die Môcnik-Orgel in Velesovo (Slovenien)
Die zum früheren Kloster in Velesovo gehörende Pilgerkirche "Unsere Dame von Adergas" erhielt im Jahre 2007 ein neues Instrument von dem Orgelbauer Tômas Môcnik aus der nahe gelegenen Stadt Cerklje. Sein Opus 14 stellt somit auch eine Art Ausstellungsobjekt dar. Die Bauweise ist traditionell und lehnt sich an thüringische Vorbilder, besonders die Arbeiten von Zacharias Hildebrandt an. Während sich das Hauptwerk im Zentrum des Hauptgehäuses befindet, hat man das Oberwerk darüber angeordnet; die Pedalpfeifen stehen hinter der Hauptwerk-Windlade. Auch die Traktur folgt mit ihrer rein mechanischen Funktion tradierten Prinzipien.
Der gesamte Pfeifenbestand von Hauptwerk, Oberwerk und Pedal weist ausgesprochen milde Intonierung auf, jegliche Schärfe oder Aufdringlichkeit des Klanges wird vermieden. Die Disposition mit ihren 38 Registern ist reichhaltig und hat mit Bordun 16' und Fagott 16' im Hauptwerk deutliche Gravität zu bieten: Im Pedal ist neben Subbass 16' und Violon 16' ein Untersatz 32' vorhanden, daneben gibt es keinen Mangel an Aliquoten. Alle drei Werke haben einen eigenen Tremulant; auch ein Zimbelstern fehlt nicht. Die gesamte in sich reichhaltige Disposition findet sich auf den Seiten von Sonus Paradisi, die das Instrument mit Sorgfalt sampelten.
Der Sample-Satz hat den originalen Tastenunfang von 56 Tönen in den Manualen von Hauptwerk und und 30 im Pedal. Die Samples selbst werden im Format 24 Bit/48 kHz und drei Mehrfach-Releases angeboten; der Satz ist nicht verschlüsselt. Jiri Zurek bietet die Versionen Wet (mit etwa 3 s Nachhall) und Surround zur Auswahl, letztere mit vier voneinander unabhängigen Kanälen für jede Pfeife/Sample. Da der Klang vom Gehäuse von zwei Frontmikrofonen und der Kirchenraum von rückwärtigen Mikrofonen eingefangen wurde, hat der Nutzer die Möglichkeit, den Surround-Satz mit 'echten' Surround zu nutzen oder nur den weniger Raum enthaltenden frontseitigen Satz zu verwenden.
Die vorhandenen Varianten beanspruchen deutlich unterschiedlichen Speicherbedarf beim Einladen aller Register: In der Wet-Fassung sind es 3.8 GByte (16 Bit) oder 6,2 GByte (20 Bit); die Surround-Fassung übertrifft mit 7,3 GByte (16 Bit) bzw. 12 GByte (20 Bit) diese Angaben noch. Selbstverständlich lassen sich auch hier die hauptwerk-internen Sparmaßnahmen einsetzen, dennoch sollte man sich über einen möglichen und bei diesem Instrument besonders zu bedauernden Qualitätsverlust im Klaren sein.

Bereits der Gesamtspieltisch erlaubt zielsicheren Zugriff auf alle aktiven Komponenten, zumal Beschriftung und Zustandsänderung gut erkennbar sind. Die 14 Setzer (plus Set und Cancel) befinden sich hier unten waagerecht in einer Reihe; in den beiden Teilfenstern wurden sie zusammen mit den Manualregistern aufgeteilt und waagerecht angeordnet. Dass Sonus Paradisi stets ein von Hauptwerk unabhängiges Intonationsfenster beifügt, hat für diejenigen seinen Vorteil, die die Basic Edition betreiben, denn hier ist die HW-eigene Funktion nicht zugänglich.

Der virtuelle Spieltisch komplettHW-unabhänges Intonationsfenster

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An der velesovo-Orgel lässt sich zeigen, welche Möglichkeiten sich bei einem zweimanualigen Opus erschließen, wenn die Disposition gut durchdacht ist - sofern man keine außergewöhnlichen, den Rahmen üblicher barocker oder auch späterer Literatur sprengende Ansprüche stellt. Hinzu kommt das farbliche Zusammenwirken der vorhandenen Register und ihre Verschmelzungsfähigkeit; so sind die 8'-Stimmen geradezu musterhafte Vertreter ihrer Bauweise, seien es das sanfte Gemshorn und der gut zeichnende aber nicht beißige Prinzipal im Haupwerk - Stimmen, die sich vorzüglich mit Oktaven und Aliquoten verbinden und ein glanzvolles, nie aufdringliches Plenum bilden, ohne dass irgendwelche Intonation nötig wäre. Dass die Orgel in einem zwar zurückhaltend halligen, aber nie transparenzmindernden Raum steht, kommt der Über-Alles-Wirkung ebebfalls zugute.
Im Oberwerk gibt es eine überzeugend klingende Vox Humana 8' mit metallischen Zungenschlag-Beiton, deren Lautstärke wer es mag, noch anheben kann, zudem wird jedes der Oberwerkregister durch einen Kranz charakteristischer Farben ergänzt. Im Pedal gibt es immer hin neben den Gravität liefernden 8'- und 16'-Labialen einen ganzen Zungenchor aus Posaune 16', Trompete 8' und Clarin 4', dem der schwer einschwingende Untersatz 32' auf Wunsch die Basis liefert. In dieser Hinsicht eignet das Instrument von velesovo vorzüglich zur Demonstration von Pfeifenbauformen und den damit bedingten Klängen. Niemand sollte annehmen, das mit Calcant beschriftete Manubrium sei nur zur Zierde vorhanden; stößt man es ab, so verlöschen alle Töne nach einiger Zeit auf klagenden Weise.
Wer über zwei Touchscreens verfügt, hat einen nochmals übersichtlicheren Zugriff auf die aktiven Bedienelemente. der beinahe dem auf reale Manubrien nicht nachstehen muss, ausgenommen die bei einem echten Spieltisch gegebene Möglichkeit zu parallelem Mehrfach-Zug oder -Abstoß. Das lässt sich leicht überprüfen, wenn man die originale, große Abbildung auf einem 19-Zoll-Monitor aufruft.

Registerfeld links...und rechts

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Es gibt Orgeln, bei denen fühlt man sich auf Anhieb zu Hause; das liegt einerseits am generellen Umgang des Spielenden mit unterschiedlichen Instrumenten, aber auch an deren unmittelbare Gesamtwirkung, wobei Geschmackliches nie ausgeschlossen werden darf. Selbst die Gestaltung des virtuellen Spieltisches hat hier einen Einfluss. Dabei merkt man der Môcnik-Orgel von Velesovo in ihrer HW-Übertragung die von Sonus Paradisi bei den zurückliegenden Sampling-Projekten gesammelte Erfahrung deutlich an. So hat man die Darstellung von Manualen und Pedal im Hauptfenster zugunsten der Manubriendimensionen etwas verkleinert, um damit ergonomisch wichtigeren Platz auf dem Bildschirm besser nutzen zu können.
Auch das Ohr findet nur Erfreuliches. Vom ganz subjektiven Geschmack her könnte man die Lebendigkeit des Kirchenraumes als etwas zu kräftig empfinden, sofern man Front- und Rückseite in gleichen Teilen zusammengemischt hört. Erfreulicherweise gibt es jedoch in diesem Zusammenhang eine mehr als zufriedenstellende Lösung durch Mehrkanalwiedergabe mit Aufteilung in zwei Front- und zwei rückwärtigen Kanäle. Jeder HW-Nutzer, der eine Mehrkanalkarte im Rechner hat, kann sich ihrer ohne viel Aufwand bedienen, wenn er statt der Stereoanordnung der beiden Frontlautsprecher zwei solcher Paare einsetzt. Dann hat man Beides; einen Direktschall vom Prospekt und die Hallantwort aus dem Raum.
Auf diese Weise ist das Instrument mit erstaunlich natürlicher Räumlichkeit und vor allem mit verblüffend erweiterter Klangtransparenz in den eigenen Räumen zu spielen, sofern man die sogenannte Surround-Version installiert hat - (die eigentlich nur ein vierkanaliger Sample-Satz ist). Nutzern, die sich mit dem Gedanken tragen ihren Rechner für solche Zwecke aufzurüsten, dürfte dies ein lohnenswerter Anlass sein.
Damit aber nicht genug: Rechner mit einer Mehrkanalkarte, die gut funktionierend ins Betriebssystem eingebunden ist, erlauben dann die Wiedergabe von Surroundsound-Dateien in den üblichen Mehrkanalformaten (sog. Containern) ac3, ogg oder Matroska. Sonus Paradisi hat ac3-Dateien aus der Surround-Fassung des Sample-Satzes für die Demo-Clips der Velesovo-Orgel verwendet - hier lässt sich eine unbedingt empfehlenswerte Klangerfahrung z. B. bei BWV 564 (Toccata, Adagio und Fuge) machen. Auch die Klangbeispiele der etwas halligeren Adriatic-Orgel (Izola) gewinnen beim Abhören der ac3-Dateien mit einem Mehrkanalsystem.
Ein geeigneter Player für alle diese Formate ist der Media Player Classic Home Cinema - ein 'Must' als universale Abspielsoftware, die mit diversen Decodern erweiterbar ist. Ein Tipp: Der MPCH eignet sich prinzipiell auch für das direkte Abspielen von trp/ts-Streams als digitales Audio-Ausgangsformat vieler Satelliten-Receiver, denn in zunehmendem Maße werden auch Orgelaufnahmen vom Satelliten-Hörfunk mehrkanalig ausgestrahlt. Die Krönung des Mehrkanaleinsatzes bildet natürlich das Brennen der eigenen Aufnahmen mit Hauptwerk auf eine DVD, die anstelle des Videoteiles nur z. B. ein Standbild enthält und das ac3-Format in ihren Audiospuren unterstützt. Ein solches Vorhaben erfordert allerdings noch einige Schritte, die noch erarbeitet werden müssen.
Facit: Eine erfreuliche Erweiterung des Angebotes an Sample-Sätzen für Hauptwerk, nicht nur für einfache Ansprüche an ein Instrument mit einem Touch von Zacharias Hildebrandt, von dem ein Opus bisher in der Sammlung fehlt.

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