Die Velosovo-Orgel in dreimanualiger Ausführung

Hauptwerk hat den großen Vorzug, dass alle strukturellen Eigenschaften einer virtuellen Orgel in einer Definitionsdatei (CODM, Custom Organ Design Module) zusammengefasst sind. Ist diese bei einem unverschlüsselten Sample-Satz vom Nutzer zugänglich, so lassen sich ohne viel Aufwand Koppeln, Setzer, Register oder sogar ein weiteres Manual hinzufügen und damit ein vorhandenes virtuelles Instrument nach eigenen Vorstellungen verändern.
Ein findiger Hauptwerkfreund namens Al Morse aus Maryland, USA, hat eine Definitionsdatei geschaffen, die die an sich schon vielseitige, aber im Original zweimanualige Môcnik-Orgel von Velosovo zu einem dreimanualigen Instrument erweitert, sofern man den zugehörigen Sample-Satz geladen hat. Aber das ca. 7 MByte große Design Module bietet noch mehr: Schwell- und Chorwerk haben eigene Schwellpedale, dazu gibt es noch ein Expressionspedal, dessen Programmierung von einem eigenen Bildschirmfenster erfolgt, und einen reichlichen Satz an Koppeln. Auch wenn einige Register mehrmals beispielsweise mit leichter Verstimmung als Schwebung eingesetzt werden, ist auch das dreimanualige Instrument trotz der nunmehr 50 Stimmen immer noch echt Velosovo, denn es wurde nichts von anderen Sätzen importiert.
Wenn es auch manchen Authentizitätsanhängern nicht gefallen mag, so bieten die neue Struktur und Disposition der Orgel eine Reihe von Spielmöglichkeiten, die den ohnehin recht preiswerten Sample-Satz von Sonus Paradisi nochmals deutlich aufwerten. Die barocke Ausrichtung wurde damit so erweitert, dass auch spätere Literatur ohne klangliche oder orgeltechnische Abstriche zu Gehör zu bringen ist, zumal alle guten Eigenschaften des originalen Satzes (Loops, Release) einschließlich der Akustik erhalten bleiben. Geschickterweise hat Al Morse eines der Bildschirmfenster ausschließlich mit Manualen, Pedal und Satzern gefüllt, falls man deren Funktion einmal schnell überprüfen möchte. Neben der Gesamtdarstellung gibt es noch Fenster für linkes und rechtes Registerfeld sowie für Programmierung des Expressionspedals.
Wer mag sich da an dem einfacher gestalteten aber wegen seiner gut erkennbaren Registerzuordnung viel übersichtlicheren Spieltisch-Layout stören? Die Manubrien sind selbst im Ein-Fenster-Bildschirm ausreichend dimensioniert, zeigen ihre Aktivierung deutlich erkennbar an und tragen gut lesbare Beschriftung. Auch die erweiterte Reihe der Koppeln ist mit geradezu vorbildlicher Übersichtlichkeit angeordnet und enthält jetzt Intra-Manualkoppeln für alle Manualwerke (8', 4').
Im Gesamt-Design wird die AGO-Empfehlung in jeder Hinsicht so umgesetzt, dass viele HW-Nutzer, bei denen sich unweigerlich in der Zwischenzeit einige Sample-Sätze angehäuft haben dürften, den deutlich leichter gewordenen intuitiven Zugriff begrüßen werden. Bei der Beschriftung hat man zudem einen Fehler korrigiert, der die Tertia im Oberwerk des Erstsatzes betraf: Sie ist nun richtig als 1 3/5' bezeichnet - die richtige Stimme für die häufig bei französischer Barockliteratur vorkommende Tierce en Taille in Kombination mit einem Fond-Register. Sie ist in Schwell- und Chorwerk vorhanden.

Spieltisch ohne Register und KoppelnEinfenster-Darstellung

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Die 14 Generals-Setzer des zweimanualigen Satzes finden sich jetzt etwas ergänzt und in Sechsergruppen werkzugeordnet - neben Setz- und Löschknopf - wieder. In der zum dreimanualigen Satz gehörenden pdf-Datei listet Al Morse auf, welche Eingriffe in der Intonation vorgenommen wurden; es sind nur wenige, die sich auf die Verstärkung (Brightness) der hohen Frequenzen beziehen. Schön ist, dass diese Version - sie erscheint in der Installationsliste als Belosovo3Mod - den installierten Original-Satz völlig unhelligt lässt, möchte man sie wieder entfernen.
Selbstverständlich darf man nicht erwarten, dass sich eine solche Großorgel mit 50 Registern mit bescheidener Speicherausstattung begnügt; dies angesichts auch der hier enthaltenen vierkanaligen Konfiguration mit ihrer Verdoppelung aller Stimmen in den rückwärtigen Kanälen. Schaltet man diese in der 16-Bit-Einstellung ab, so kommt man mit 6 GByte RAM aus - keine unbedingte Einbuße im Gesamtklang wegen der leicht halligen Frontkanäle, aber doch ein Verlust an musikalischer Transparenz. Full Surround belegt dagegen über 10 Gbyte Speicherplatz im 16-Bit-Format, bietet dann aber eindrucksvolle Räumlichkeit und Farbenvielfalt auch bei zweimanualigem Betrieb, wenn man das Schwellwerk ankoppelt.
Die reichliche Ausstattung mit Koppeln kann bei voll getretenen Crescendopedal durchaus dazu verführen, mal ein wirklich großes Grand-Orgue-Tutti zu registrieren, bei dem die ganze Klanggewalt hörbar wird. Gleichzeitig ist dies ein praktischer Test, wie weit die eigene Lautsprecheranlage da noch mitmacht und schließlich eine klare Demonstration für die Tatsache, dass eine vierkanalige Wiedergabekonfiguration deutlich mehr überzeugen kann als eine Stereoanlage mit zwei Boxen. Und wenn es dann nicht so klingt wie man es gern hätte, sollte man probeweise die Tieftonlast seiner Lautsprecher etwas erleichtern, indem die 32'-Bombarde aus dem Crescendo herausgenommen wird.
Es lohnt sich, einmal auf der Website von Al Morse zu stöbern; dort gibt es nicht nur einige gut durchdachte Modifikationen für Definitionsdateien wie beispielsweise ein Crescendopedal, sondern auch Messtöne als gebrauchsfertige Diagnosewerkzeuge. Die Abbildungen des dreimanualigen Instrumentes beziehen sich teilweise noch auf eine ältere schwellerlose Ausführung, während die CODM-Datei korrekt ist.

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