Hauptwerk nun in der vierten Generation

Eines der neu gestalteten Bedien- und Anzeigefelder für mehrere Programmparameter und MIDI-System

Am 16. Juli 2010 gab Milan Digital Audio einige Einzelheiten zur angekündigten Version 4 von Hauptwerk bekannt. Eine Vorabausgabe des Programmes lief bereits einige Tage zuvor auf der AGO Convention (American Guild of Organists) mit sehr positiver Resonanz.
Was zunächst auffällt ist die Bemühung der Programmentwickler, die Kluft zwischen den beiden so wesensverschiedenen Welten, der des hochmodernen und abstrakt algorithmisch funktionierenden Computers und der eines für das musische Gestalten gedachten Instrumentes auf elegante Weise so zu überbrücken, dass deutlich mehr Organistennähe entsteht. Als Mittel dazu dient eine Bedienoberfläche, die scharfe Diskrepanzen zu vermeiden trachtet, indem man technisches Design mit virtuellen Reglern, Stellelementen und Anzeigen in ein mit Holztönen verkleidetes Ambiente taucht, wie man es von realen Orgeln gewöhnt ist. Das Auge tut dann ein Übriges und verbindet beide Sphären sozusagen stoßfrei.
Mit einer solchen Darstellung lassen sich systeminterne und häufig notwendige Eingriffe in Modellierungsparameter des Programmes mit einer zumindest orgelnahen Oberfläche versehen. Dies dürfte auch denjenigen HW-Anhängern entgegenkommen, die jeder sich in den Vordergrund drängelnden Computertechnik im Zusammenhang mit der Orgel abhold sind.
Dann ist vor allem die automatische Konfiguration nennen; sie zielt etwa in die gleiche Richtung, denn dieser eigentlich orgelfremde, aber stets notwendige Vorbereitungsvorgang ist nun mit einem Minimum an Aufwand und Wissen schnell zu erledigen. Kamen doch bisher auf jeden Hauptwerknutzer vor dem Spielgenuss einige Arbeiten zur Anpassung an das jeweils verwendete Rechnersystem und die MIDI-Hardware zu, die ohne Kenntnisse von MIDI-Befehlen und ohne Überblick über das Zusammenwirken der Hauptwerk-Software mit Rechner und externen Komponenten wie z. B. die Manuale, Setzer und Schweller einige Mühe machte. Hier bleibt abzuwarten, inwiefern der selbsttätige Lernprozess den Einstieg wirklich erleichtert.

Die zusätzlichen, ebenfalls ohne umfangreiche Kenntnisse der HW-Innenlebens einzusetzenden Hilfen dürften zudem den Live-Einsatz erleichtern und damit den Zugang zum Markt der kommerziellen Projekte sei es als Hybrid-Orgeln aus Hauptwerk und 'echten' Pfeifen oder als reinrassige virtuelle Hauptwerk-Orgel leichter machen. Das deuten auch die ausgesprochen leicht zugänglichen Hilfen für das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten wie Tonhöhen- und Temperatureinstellung in Echtzeit an. Hier wird ein Umdenkprozess erkennbar, ohne dass man auch nur im Geringsten von einer Bedrohung der bewährten Erzeugnisse von Orgelbauern oder des Baues von echten Pfeifenorgeln sprechen könnte - im Gegenteil: Hauptwerk kann Orgelliebhabern reale, einmalige Instrumente in einer Weise durch ein Klang- und Spielerlebnis (sogar im Ensemble) näher bringen, als es zuvor undenkbar war.

Die neue, vereinfachte Einbindung von Hauptwerk als Plug-In in Form eines virtuellen Instrumentes erweitert nicht nur Anwendungen für PC- und Mac-Plattformen; sie stellt auch eine praktikable Zwischenlösung für die Erzeugung von Nachhall in Verbindung mit entsprechender Software - besonders derjenigen für Faltungshallgenerierung - dar. Sobald die Rechnerperformance es zulässt, dürfte eine systemeigene Hallerzeugung dann die endgültige Lösung darstellen.

MIDI-Lernvorgang

Die Einrichtung (Konfiguration) des Programmes Hauptwerk - zunächst sowohl für ein bestimmtes Rechnersystem als auch für unterschiedliche Sample-Sätze - wird gegenüber den Vorgängerversionen durch selbsttätig ablaufende Erkennungsprozesse wesentlich erleichtert; sie betreffen vor allem die MIDI-Seite. Hauptwerk 'lernt' automatisch von den ankommenden Befehlen aller virtuellen Manuale. Register-Züge/Wippen, Setzer. Schwellpedal(e) sowie direkt abrufbaren Pfeifenreihen (Ranks) und ordnet sie für alle unterstützten MIDI-Implementierungen logisch zu. Das gilt auch für Computertasten.
Beim Nutzer ist daher keinerlei Wissen über MIDI-Befehle der Hardware nötig, um irgendwelche Schalter, Manuale, Schwellpedale zu konfigurieren oder sie mit den virtuellen Komponenten zu verbinden. Hauptwerk selbst übernimmt diese Arbeit, die mit einigen ergänzenden Mausklicks unkompliziert erledigt ist. Selbstverständlich sind dem fortgeschrittenen Nutzer auch detaillierte Informationen zugänglich, mit denen er per Hand eigene Einstellungen vornehmen kann.

Kontrollfelder

Es gibt vier stets zugängliche und verschiebbare Echtzeit-Kontrollfelder; sie erlauben vollen Echtzeitzugriff zu allen wesentlichen hauptsächlichen Hauptwerkfunktionen und weitergehenden Informationen, zusammengefasst in logischen Gruppen: a. Audio/MIDI und Systemleistung, b. Registrierung, c.&xnbsp; Pitch/Tonhöhe und d. Recorder/Player. Dies erleichtert und beschleunigt das Verständinis und den Lernvorgang für die funktionalen Zusammenhänge.

Anzeigen für Audio, MIDI und Systemleistung

Die einzelnen Kontrollfenster, Statuszeile(n) und MIDI-Einstellfenster werden durch virtuelle Diagnose-LEDs unterstützt, so dass sich Konfigurationsprobleme schnell und leicht lösen lassen. Vier Echtzeit-Anzeigen für Audiopegel (Lautstärke), Polyphonie, Prozessorauslastung und Speicherbelegung zeigen schnell die Ursache einer Störung auf. Die Aufnahmefunktion wurde mit einer Übersteuerungsanzeige (Clipping) erweitert. Die beim Spielen größerer Orgeln so einflussreiche Polyphoniegrenze kann in Echtzeit definiert werden. Die Anzeige lässt sich während des Spiels beobachjten und die Grenze nötigenfalls für jede Orgel getrennt feinabstimmen - ein Maßnahme, die Hauptwerk&xnbsp; bei Live-Aufführungen deutlich störsicherer macht.
Wer es möchte, kann jegliche Reglerbewegung für die Pegel mit externer Hardware (Schwell/Expression-Pedal) verbinden und/oder Touchscreen-Steuerelemente umlegen.

Register und Speicherung

Eine Reihe von systemeigenen Speichern ergänzt die programmierbaren Speicher der Sample-Sätze. Dazu gehören ein Stepper (Registrierungssequenzer) mit von Sample-Sätzen völlig unabhängigen und frei wählbaren 999 Plätzen (Frames). Vorhandene Kombinationen von HW 3xx werden automatisch übernommen; 20 weitere 'Master General'-Kombinationen sind ebenfalls völlig unabhängig von den in den Sample-Sätzen vorhandenen; schließlich gibt es 60 neue Allzweckkombinationen. Als 'Master Scoped' bezeichnet, sind sie ebenfalls völlig unabhängig von irgendwelchen Kombinationen eines Sample-Satzes und können Registerzüge beliebiger Art beeinflussen.

Bedienfeld für Tonhöhe und TemperaturenSystemeigener MIDI-Recorder/Player

Tonhöhe und Temperaturen

Ein wesentlicher Fortschritt ist die sich nicht mehr gegenseitig beeinflussende Festlegung von Tonhöhe (Pitch) und Temperaturen; sie kann für jedes Instrument separat erfolgen. Die Tonhöhe ist zudem durch externe Stellelemente und/oder auf dem Touchscreen zu verstellen.

Programmeigener MIDI-Recorder/Player

Der zum Programm gehörenden (native) MIDI-Recorder/Player verwendet das Standard-MIDI-Format und spielt Änderungen von Registrierung, Koppeln, Tremulant unmittelbar ab. Er ist damit völlig unabhängig von irgendwelcher MIDI-Hardware und vom Kombinationensystem. MIDI-Dateien lassen sich mit anderen Nutzen des Sample-Satzes austauschen; sie werden perfekt abgespielt. Für Editierzwecke kann der erzeugte MIDI-Datenstrom zu oder von einem MIDI-Sequenzer umgelenkt werden.

Mini-Bedienfelder

Eine ganze Reihe von verschieb- und andockbaren Mini-Eingabefeldern 'Mini control panels' ermöglicht Zugang zu allen HW-Funktionen. Dank ihrer geringen Abmessungen und der Zuordnung zu kleinen funktionellen Gruppen, bietet es sich an nur diejenigen auswählen, die man regelmäßig benutzt, um Platz auf dem Bildschirm zu sparen.

Rechtsklick-Schnellzugang zu Konfigurationen

Zu den Rechtsklick-Optionen mit der Maus für jedes virtuelle Steuerelement gehören unter anderem die Konfigurierung von MIDI-In- und Out, sowohl per MIDI-Lernvorgang oder manuelle Eingabe sowie der unmittelbare Zugang zum Intonationsfenster für ein Register.

Setzer-Werkzeugleisten

Mehrere vom Nutzer konfigurierbare Setzer-Werkzeugleisten (Piston toolbars) sind verschiebbar und lassen sich andocken; sie erlauben Zugriff zu wichtigen HW-Funktionen. Pro Spieltischfenster sind in der Advanced Edition vier solcher Leisten mit je 16 Setzern vorhanden; in den Editionen Basic und Free gibt es nur eine. Auch hier lassen sich Funktionen entweder über den MIDI-Lernvorgang oder manuelle Eingabe zuordnen.

VST- und Audio Units-Links für PC und Mac

Die Notwendigkeit zum Einrichten eines Racks mit Hauptwerk als VST-Instrument (VSTi) wurde für Windows-PCs durch den 'Hauptwerk VST Link' ersetzt. Damit ist HW außerhalb eines VST-Hosts/Sequenzers einzusetzen; man lädt nur den Link in den entsprechenden Sequenzer. Insgesamt werden Gebrauch und Konfigurierung sehr erleichtert: In HW wählt man nur den Link für den Audioausgang, optional auch für MIDI-In/MIDI-Out des Sequenzers. Separate MIDI-Einstellungen für das Sequencing oder das Umleiten der MIDI-Befehle vom MIDI-Speltisch über den MIDI-Host entfallen, da MIDI-Signale direkt vom Spieltisch HW direkt ansteuern. Eine besondere Vereinfachung ergibt sich für den Einsatz von Hallerzeugern (Faltungshall). Hier wird nur 'Hauptwerk VST Link' als Audioausgang für HW eingetragen. Danach lädt man das Plug-In 'Hauptwerk VST Link' und das Plug-In für den Hallerzeuger (Faltungshall) im VST-Host.
Da die Link-Option über 32-Bit/64-Bit-Grenzen hinweg funktioniert, lässt sich 64-Bit-HW mit jedem 32-Bit-Sequenzer und mit 32-Bit-Faltungshall-Software einsetzen. Als Nebeneffekt sollte der VST-Host die Gesamtleistung von Hauptwerk nicht nennenswert beeinträchtigen oder begrenzen.
Für die Mac-Plattform gibt es einen entsprechenden 'Hauptwerk VST/AU Link'; er läuft sowohl mit den Hosts VST (z. B. CuBase) als auch AudioUnit (z. B. Logic). Auf diese Weise ist volle Plug-In-Funktionalität für die Mac- uind PC-Plattformen gegeben. Da allerdings die meisten AU-Hosts wie z. B. Logic keine MIDI-Befehle von einem Plug-In unterstützen, wird man VST vorzugsweise mit den OS X-Versionen von CuBase, Reaper oder ähnlicher Software auf der Mac-Plattform verwenden.

Dynamische Größenanpassung des Spieltisches

Als Voreinstellung passen sich die virtuellen Spieltische an das Fenster auf dem Bildschirm an, wobei das Abbildungsverhältnis so gewahrt wird, das beispielsweise kreisrunde Knöpfe in ihrer Form unverändert bleiben. Der Zoomeffekt lässt sich abschalten, um den virtuellen Spieltisch auch scrollen zu können, wenn er nicht mehr in das Fenster passt. Mit dieser Lösung scheint ein Ausweg aus dem Nebeneinander von unterschiedlichen Monitordiagonalen und Bildschirmauflösungen geschaffen worden zu sein.

Unterstützung von MIDI-Implementation anderer Digitalorgeln

Immer mehr Besitzer einer Digitalorgel u. a. von Rodgers, Allen, Johannus, Content, Wyvern, Viscount, Ahlborn möchten Hauptwerk auch auf ihrem Instrument spielen. Die Version 4 liefert dazu volle, systemeigene Unterstützung mit Bezug auf das MIDI-System.

Entsprechend der Preispolitik von Milan Digital Audio für Upgrades ist die Version 4 kostenpflichtig, wobei Besitzer eines Vorgängerprogramms (wohl besonders die einer Version 3.xx) mit einem Preisabschlag rechnen können. Bleibt noch anzumerken, dass das neue Hauptwerk mit sämtlichen, für frühere Versionen geschaffenen Sample-Sätze ohne Einschränkungen kompatibel ist.

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