Die Virginia Theatre Wurlitzer für Hauptwerk 2

Der virtuelle Hufeisen-Spieltisch der Wurlitzer op. 490 in HW2.
Wegen der Häufung der Bedienelemente gibt es eine zweite Darstellung mit besserer Lesbarkeit der Register-Labels.
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Lang erwartet in den USA - wohl kaum im weniger traditionsbewussten Deutschland - ist nun die erste Wurlitzer-Orgel für Hauptwerk erschienen. Die Verzögerung dürfte zu einem nicht geringen Teil an den vielen kleinen Problemen liegen, die Brett Milan von Milan Digital Audio bei der Umsetzung zu lösen hatte - immerhin betrat er damit absolutes Neuland. Aber der Anfang ist immerhin gemacht, und er beschert den TO-Liebhabern ein Instrument, das sich gut dazu eignet, in die Welt der Theater- und Kinoorgeln einzudringen.
Das Original steht im Virginia Theatre, Champaign, Illinois, USA. Das Instrument mit der Opus-Nr. 490 wurde dort 1921 installiert und 1924 zu einem "Style Special 180" erweitert. Es handelt sich um ein zweimanualiges Modell mit "echten" acht (!) Pfeifenreihen (Ranks). Aus diesen entstehen durch Mehrfachnutzung, als Multiplexing (Unification) bezeichnet, und Ergänzung mit 16-, 4-, und 2-Fuß-Stimmen, insgesamt 25 Stimmen im Solo-Manual, 16 im Begleitmanual und 9 im Pedal. Hinzu kommen 15 Effektstimmen meist perkussiver Art und 7 Effekte vom Entenruf bis zur Sirene. Wegen eines Wasserschadens hat Brett Milan das Tuba Horn im Begleitmanual durch Austin Trumpet ersetzt. Von den zwei Orgelkammern des Originals ist nur eine mit Pfeifen bestückt, für die andere sind später Erweiterungen vorgesehen.

Für die Hauptwerkfreunde in aller Welt stellt die Wurlitzer-Orgel eine Premiere dar. Zum ersten Mal lässt sich eine solches Modell mit seinen Eigenschaften, Spielhilfen und Klangfacetten realitätsnah nachbilden: Tremulanten in mehrfacher Ausführung, Schwellkasten, Second Touch, Sustain und Perkussion einschließlich einem (beim Vorbild nicht vorhandenen) Piano.
Die Orgel kommt auf zwei CD-ROMs; sie enthalten neben den eigentlichen Samples auch umfangreiches Begleitmaterial. Zu loben ist die sehr ausführliche Anleitung für Installation und erste Schritte. Auf dem gegenwärtigen Orgelbits-Rechner, einem P4 mit 2,8GHz, 2GByte RAM und betagtem WaMi-Rack mit ASIO-Treiber, gab es weder bei der Installation, noch bei ausgiebigen Spielversuchen irgendwelche Schwierigkeiten. Allerdings wurde, um der Performance nicht zu viel zuzumuten, das Windmodell von vornherein abgeschaltet, von der Stilllegung ausgewählter Ranks jedoch kein Gebrauch gemacht. Auch eine Mehrkanalinstallation musste wegen der nicht vorhandenen Mehrkanaltreiber und der unzureichenden PC-Eigenschaften unterbleiben. Dennoch ließen sich Eindrücke ganz neuer Art gewinnen, denn wer hat schon Gelegenheit, solch ein Instrument einmal in natura zu spielen?
Wie in HW 2.10 üblich, ist der virtuelle Spieltisch in allen Elementen voll per Maus bedienbar. In Betrieb gesetzt wird das Ganze mit einem Schlüsselschalter, der bei den öfters vorkomenden Resets in Nullstellung geht. Dann darf auch der (einzige) Schweller nicht vergessen werden, er ist virtuell erst einmal voll durchzutreten. Bei der Registrierung zeigt sich zunächst, dass solch ein Orgeltyp von den Stimmen her anders auszubalancieren ist. Es gehört schon einige Erfahrung dazu, Solo-Partien gegen Akkorde auf dem Begleitmanual so abzusetzen, dass die linke Hand weder zu schwach wirkt, noch die Melodie zudeckt. Die Häufung von Tremulanten kann schnell zu einem unsauberen Klangsalat führen, wenn man ungeeignete Stimmen kombiniert.
Was den eigentlichen Klang der Orgel angeht, so wäre jegliche verbale Beschreibung unzureichend. Glücklicherweise gibt es auf den Seiten von Milan Digital Audio eine Anzahl von MP3-Demos mit entsprechender Literatur, live gespielt von professionellen Organisten. Man lernt es schnell: Das Wenigste, was sich zur Interpretation auf einer Kino-Orgel anbietet, klingt von allein, wenn ein paar Register eingeschaltet werden. Meist wird man ohne ein sorgfältiges Arrangement keine einigermaßen runde Wirkung erzielen können, und das geht nicht ohne genügend Erfahrung. Aus diesem Grund kommen den abgespeicherbaren Kombinationen ein besonderer Stellenwert zu.
Die Wurly ist reichhaltig mit Spielhilfen ausgestattet, die alle Register, Tremulanten und Effekte umfassen. Sie können variabel so konfiguriert werden, dass sie untereinander in Verbindung stehen. Mit Setzern sind diese Kombinationen dann schnell abrufbar. Zehn Setzer lassen sich als Thumb Pistons per Hand erreichen, während sechs als Fußpistons (Toe Studs) ausgebildet sind. Deutlich gewöhnungsbedürftig ist die geringe Lautstärkezunahme beim Zuschalten mehrerer Register, selbst in 8-Fuß-Lage. Für ein echtes Plenum müssen schon ungewöhnlich viele davon schwellerunterstützt zusammenklingen. Hier macht sich die negative Seite des Multiplexens bemerkbar.
Zum Ausprobieren reizend und klanglich interessant für den unvoreingenommenen Spieler ist die reich bestückte Perkussion; ihre saubere Abbildung geht ebenfalls deutlich in die Rechnerleistung ein. Besonders performance-hungrig scheint das Piano zu sein, das es in 16-, 8- und 4-Fuß-Lage gibt. Sofern man keine Velocity-Steuerung im Manual hat, wirkt sein Klang trotz einwandfreier elektroakustischer Qualität ausgesprochen unflexibel. In der Spieltischdarstellung kaum zu erkennen, aber als raffinierte Spielhilfe zu nutzen ist der Sustain-Schalter rechts seitlich im Ausschnitt des Fußschwellers. Er bewirkt das Aushalten beliebiger Stimmen auf dem Solo-Manual, so dass die rechte Hand frei wird, um auf dem Begleitmanual tätig zu werden.
Das Instrument aus dem Virginia Theatre hat - jedenfalls für TO-Neulinge - den Vorzug, relativ klein im Stimmenumfang zu sein; deswegen ist es überschaubar zu bedienen. Schön wäre es, wenn der für ein späteres Update von HW 2.10 angekündigte Faltungshall schon zur Verfügung stände. Einer staubtrockene Kinoorgel fehlt eben doch ein gewisser, verbindender Raum, der der Klangverschmelzung zugute kommt. Trotz der nur einen Pfeifenkammer kann die stereofone Aufteilung durchaus befriedigen, obwohl echte Mehrkanalwiedergabe sicher noch etwas eindrucksvoller wäre. Wer es möchte, kann diverse Spielgeräusche dosiert zuschalten.
Man fragt sich, wie ein realer MIDI-Spieltisch für ein solches Instrument gestaltet sein soll. Eine virtuelle TO und viele hoffentlich bald kommende virtuelle Schwestern mit allen ihren Eigenheiten dürften sich kaum in eine gewisse Grundstruktur zwängen lassen wie eine Kirchenorgel. Zweifellos bietet ein Touchscreen hier die größte Freiheit und Zukunftssicherheit. Die Monitordarstellung sollte allerdings mindestens einem 19-Zoll-Schirm angepasst werden, damit die Bedienelemente leicht ohne langes Zielen zu aktivieren sind.

Inzwischen gibt es eine zweite Version des Instruments, das mit wesentlichen Überarbeitungen aufwarten kann.

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