Die Bosch-Schnitger-Orgel von Vollenhove (HW 2)

Die ursprüngliche Orgel der Grote of Sint Nicolaas Kerk im niederländischem Vollenhove, Provinz Overijssel, stammt von Amsterdamer Meister Apollonius Bosch. Sie wurde 1686 gebaut und hatte bereits zwei Manuale für Hauptwerk (Hoofdwerk) und Rückwerk (Rugwerk) sowie ein angehängtes Pedal. Im Jahre 1720 erhielt Frans Caspar Schnitger, Sohn von Arp Schnitger, den Auftrag, die Orgel zu erneuern. Er stattete das Rugwerk mit einer neuen Windlade aus; außerdem erweiterte er das Instrument mit neuen Labial- und Zungenregistern und veränderte damit die alte Disposition vor allem des Hauptwerks.
Die einschneidenste Veränderung geschah im Jahr 1860, als Jan van Loo aus Kampen/Overijssel an jeder Seite des Hauptwerkgehäuses einen Pedalturm hinzufügte. Die Register erwiesen sich von so hoher Qualität, dass keine wesentlicher Unterschied zu dem originalen Pfeifenbestand aus Schnitgers Werkstatt festzustellen ist. Die Erweiterung umfasst sechs unabhängige (nun nicht mehr angehängte) Pedalregister. Wenn auch danach noch einige Veränderungen vorgenommen wurden, so sind diese Register bis heute in der Orgel vorhanden. Glücklicherweise blieben auch alle Prospektpfeifen (Prestant) aus Schnitgers Zeiten erhalten. Um die Originaltonhöhe von a1=415 Hz wieder herzustellen, mussten alle Pfeifen verlängert werden. Das Instrument ist jetzt nach WerckmeisterI gestimmt.
Der Prestant 8' im Hoofwerk ist warm timbriert, passt aber dennoch gut zum Kirchenraum mit seinen etwa 5 s Nachhall und hellen Rückwürfen. Man kann den Unterschied zum 'neuen' Prestant 8' im Pedal und der Schnitgerschen Mensurierung schnell festellen: Das Pedalregister zeigt tatsächlich deutliche Verwandtschaft, wenn es auch sinnvollerweise grundtöniger angelegt wurde. Einmalig in Vorkommen und Qualität ist das originale Cornet 4f; und dies sowohl bei Schnitger als auch in den Nord-Niederlanden überhaupt. Prestant und Cornet allein im Hauptwerk gezogen lassen unmittelbar die Schnitgersche Prägung erkennen. Wie üblich, ist das Cornet 8' nicht über den ganzen Manualumfang verfügbar; hier setzt es beim mittleren c ein. Auffallend auch die sich untereinander deutlich unterscheidenden, dennoch ihre Familienähnlichkeit nicht verbergenden, ausgesprochen musikalisch-wohltimbrierten Zungenstimmen wie z. B. die Trompet 8'.

Wie man es heute von OrganArt Media als Sample-Produzent praktisch der ersten Stunde als selbstverständlich erwarten kann, erfolgte die Übertragung dieser ersten Orgel aus der Schnitger-Familie nach Hauptwerk 2 mit hörbarer Sorgfalt - es bleibt wirklich kein Wunsch offen, zumal sie mit der raffinierten, aber aufwändigen Multilayer-Release-Technik ausgestattet ist. Bei dieser greift eine Rechnerüberwachung ein, die Samples mit unterschiedlichem "Hallschwanz" - eben die Layers - je nach dem Tempo der aufeinanderfolgenden Töne bei jedem gespielten Sample artefaktfrei auswählt.
Getreu der Maierschen Philosophie wird der Zweihallen-Kircheraum erkennbar einbezogen, und dies in einem Maße, dass man eben Instrument und Raum als eine schwingende Einheit empfindet. Auf der mit über 4 GByte vollgestopften Sample-DVD sind zwei Fassungen des Instruments enthalten; so gibt es neben der originalen Umsetzung eine weitere mit erweitertem Umfang von Pedal und Manualen. Ergänzend zu den per Manubrien betätigten Standardkoppeln sorgt eine Schiebekoppel für die Verbindung beider Manuale.

Der hier dargestellte virtuelle Spieltisch der erweiterten Erstversion zeichnet sich durch gute Erkennbarkeit aus. Fassungen für 15- und 17-Zoll-Touchscreens sollen auch denjenigen Nutzern entgegen kommen, die die Register per Fingerdruck unmittelbar am Bildschirm betätigen möchten. Erweiterung heisst auch, dass die im Original geteilten Windladen der entsprechenden Register (bas=Bassseite, disc=Diskantseite) nun gemeinsam arbeiten; angezeigt wird dies durch gekoppelte Manubrien rechts und links von der Mitte. Die Teilung der virtuellen Konsole eignet sich zudem für ihre Abbildung auf zwei TFT-Touchscreens links und rechts von den MIDI-Manualen. Eine zweifache Darstellung - einmal mit allen Elementen wie Pedal und Manualen, eine weitere mit den Manubrien allein - war hier wegen der nicht allzugroßen Anzahl von Registern (insgesamt 25) nicht in Erwägung gezogen worden.

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Die beim Vorbild sich im Rücken des Organisten befindliche Register des Rückwerkes hat man in die Darstellung der virtuellen Register des Hauptwerkes mit einbezogen. Übrigens fällt kaum auf, dass anstelle der fotorealistischen Nachbildung des Originalspieltisches eine grafische Darstellung ihren Dienst tut - ein Trick, mit dessen Hilfe die visuell sonst wohl nicht genügend hervorzuhebenden Manubrien kontrastreich abzubilden sind, dennoch die von HW 1 gewohnte Uniformität vermieden wird.
Wie bei allen OrganArt-Media-Sätzen muss eine Authorisierung durch Eintrag in den Dongle erfolgen. Damit ist der Sample-Satz an den Rechner gebunden, der mit dem entsprechenden Kopierschutzstecker ausgestattet ist. Während die Nachhallphasen der Samples zur Wahrung der Vorbildeigenschaften jeden Zugriff verweigern, ist das Intonationsfenster uneingeschränkt zugänglich. Wer Problem mit unangenehmen Raumresonanzen hat oder einen Subwoofer betreiben möchte, wird die Option zur Klangveränderung gern zur Kenntnis nehmen.
Die virtuelle Orgel ist auf a1=420 Hz gestimmt und hat die Temperatur WerckmeisterI. In Hauptwerk 2 ist dies jedoch nicht von wesentlicher Bedeutung, da dem Nutzer eine umfangreiche (und mit jeder Orgel möglicherweise länger werdende) Tabelle zur Verfägung steht. Das Umstimmen eines Instruments dauert nur Bruchteile von Sekunden und macht so Erfahrungen zugänglich, wie sie auf andere Weise nicht realisierbar sind.
Der Sample-Satz kann natürlich mit allen Registern in der 24-Bit-Qualität der Originalaufzeichnung und den Mehrfach-Loops gespielt werden, benötigt dann allerdings über 4 GByte Speicher. Wesentlich sparsamer mit der RAM-Kapazität geht die Orgel um, wenn man ihr die in HW 2 vorgesehenen Sparmaßnahmen angedeihen lässt. Dazu gehören Einstellung auf 16 Bit, verlustfreie Kompression aller Samples und die Nutzung nur einer Loop je Sample. Aber soweit muss man nicht gehen; mit klugem Einsatz der Kompression (die ja keinerlei Einfluss auf den Pfeifenklang an sich hat), Abschaltung von Geräuschen aller Art und Mehrfach-Loops z. B. im Pedal kommt man bei 16 Bit Auflösung auf Werte unter 2 GByte.
Wer auf einem ausgesprochen bedeutenden Instrument der nordniederländischen Orgelbauschule musizieren möchte, kann - einen entsprechend ausgestatteten Rechner vorausgesetzt - auf das Bosch-Schnitgersche Opus nicht verzichten. Dank des erweiterten Tonumfangs bei Manualen und Pedalen dürften auch kaum Kompromisse beim Spielen barocker Literatur einzugehen sein. Klangbeispiele - erfreulicherweise live von einem praktizierenden Organisten eingespielt und nicht von starr-metrischen MIDI-Dateien übertragen - sind auf den Vollenhove-Seiten von OrganArt Media zu finden. Ein ausgesprochen erfreulicher Bonus ist die liebevoll zusammengestellte Dia-Schau auf der DVD mit Tonbegleitung durch zwei der Organisten der Kirche von St. Nicolaas. Derartige Ergänzungen sorgen dafür, dass sich schnell ein Gefühl des Vetrautseins mit den Örtlichkeiten einstellt - auch ein Teil der angestrebten Vorbildnähe.

Nachtrag: Die Version 2.2 der Vollenhove-Orgel
Die zu einem Update-Preis seit Beginn des Jahres 2008 erhältliche Version enthält Register-Ergänzungen und andere Verbesserungen. Die hinzugefügten Register sind zu einem Teil Vorbildern des Arp-Schnitger-Sohnes entnommen - eine sicherlich willkommene Erweiterung der Disposition. Das betrifft in erster Linie die Rekonstruktion der Rohrfluit 8' im Hoofdwerk; sie wurde elektronisch dem F.C.-Schnitger-Register von 1720 aus der Duurswoude-Orgel entlehnt. Ähnliches gilt für die Vox Humana 8' im Hoofdwerk, diese ist von einer F.C.-Schnitger-Registerkopie aus der Alkmaar-Orgel abgeleitet.
Eine weitere Ergänzung stammt als virtuelle Rekonstruktion aus der nämlichen Orgel; sie betrifft den seit 1808 in einer durch Freytag (F.C. Schnitger-Schule) vorgenommenen Erweiterung des vorhandenen Bourdon 16' im Hauptwerk, den man bei der Restauration 1977 auf die 8-Fuß-Lage zurückgesetzt hatte. Der nun wieder vorhandene Bourdon 16' verleiht der Orgel in diesem Raum wesentlich mehr Fundament. Da diese Erweiterung im Umfeld der Nachfolger von F.C. Schnitger erfolgte, wurde entschieden, eben dieses Register wieder zu rekonstruieren. Ein Schalter im Control-Fenster (dem Teilfenster mit der Windanzeige) erlaubt die Wahl zwischen Bourdon 16' und Bourdon 8', wenn dies auch in der Registerdarstellung nicht erkennbar ist; diese zeigt nur ein 16'-Register. Die erwähnte Rohrflöte 8' wurde seinerzeit "aus unerklärlichen Gründen" entfernt; sie befindet sich heute in einem anderen Instrument in Kampen.
Da einige Pfeifen des Bazuin 16' (einer kontrafagottähnlichen Stimme) im Pedal beim Vorbild eine merkliche, teilweise als störend empfundene Anpracheverzögerung zeigten, wurde dies auf eine akzeptables Maß korrigiert - ein Eingriff, der bei der realen Orgel nicht ohne großen Aufwand zu realisieren wäre. Das A in der untersten Oktave fällt mit seinem etwas harten Anblasgeräsch allerdings etwas aus der Reihe.
Zeigten die Release-Layers bereits in der Erstversion eine deutliche realitätssteigernde Wirkung, so wurde diese durch die Einführung einer dritten Ausklang-Schicht für die meisten Register (mit neu aufgenommenen Nachhall-Samples) nochmals gesteigert. Bei der Überarbeitung hat Prof. Maier außerdem einige Loop-Fehler korrigiert. Kaufinteressenten sollten daran denken, dass das Instrument durch die zusätzliche Release-Ebene etwas mehr Speicher belegt. Dennoch ist die erweiterte Version mit 16 Bit, Single Loop auf 4-GB-Systemen mit Win XP32 zu spielen.

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