Nachbau eines Rückers-Cembalos von Vyhnálek

Kopie eines Cembalos von Johannes Rückers aus der Werkstatt von František Vyhnálek

Die Dynastie der Familie Rückers (auch Ruckers, Rueckers) - die wohl bekanntesten flämischen Cembalobauer - begann 1575 mit der Niederlassung von Hans Rückers in Antwerpen und dominierte die Produktion von Tasteninstrumenten aus Antwerpen bis über die Mitte des 17. Jh. Hans Rückers d. Ä. war wahrscheinlich aus Deutschland eingewandert und arbeitete einige Zeit für Margarete von Österreich. Nach dem Tod des Vaters übernahm Johannes (auch Hans genannt), der ältere der beiden Söhne, das Geschäft und erweiterte es. Aus der Periode zwischen 1580 und 1680 haben etwa 130 Instrumente - darunter die ersten hergestellten zweimanualigen Ausführungen - die Jahrhunderte überdauert; sie wurden in alle Länder Europas, einige sogar bis nach Südamerika exportiert. Noch im 18.Jh. handelte man Imitate der Cembali aus Antwerpen in Frankreich gegen hohe Summen bei Liebhabern.
Kopien von Rückers-Cembali gibt es einige, und viele Cembalisten von Weltruf bevorzugen den ganz eigenen Klangcharakter der Rückers-Instrumente. Der tschechische Cembalobauer František Vyhnálek hat in den letzten 25 Jahren mehr als 150 Instrumente nach französischen, flämischen, italienischen und deutschen Vorbildern geschaffen; auch sie sind in vielen europäischen Ländern zu finden.
Das Original des zweimanualigen Rückers-Cembalos, erbaut 1624, steht im Musée Unterlinden, Colmar. Als es um 1780 nach Frankreich gelangte, hatte es schon einige Modifikationen erfahren, um es den Anforderungen der Kompositionen beispielsweise von Bach oder Couperin anzupassen. Von jeher als Maßstab für nachfolgende Generationen von Cembalobauern angesehen, wurde es 2008 detailliert nachgebaut, wobei der Schwerpunkt auf der äußeren Form und vor bei den Klangeigenschaften bezieht, denn das Original hat andere dekorative Verzierungen und eine völlig verschiedene Bemalung des Innenseite des Deckels, die den musikalischen Wettbewerb zwischen Pan und Apoll vor dem König Midas darstellt. Das zweimanualige Cembalo weist 8' und 4' im Unter- sowie 8' und Lautenzug im oberen Manual auf.

Mit gewohnter Sorgfalt hat Sonus Paradisi das Instrument gesampelt, und dies mit zwei unterschiedlichen Mikrofonanordnungen. Die sog. A/B-Abbildung verwendet Mikrofone, die in einigem Abstand zu einander stehen; die dabei vorhandenen Schall-Laufzeiten ergeben eine etwas lebendigere stereofone Räumlichkeit, bringen aber Phasenauslöschungen mit sich. Diese entfallen bei der X/Y-Abbildung, bei der sich die Mikrofonkapseln eng am gleichen Ort befinden, aber nach links und rechts ausgerichtet sind. Auf diese Weise vermeidet man Laufzeiten und erreicht bessere Kompatibilität bei der Mono-Wiedergabe.
Der Tastaturumfang reicht - entsprechend der Kopie - vom unteren G (MIDI# 31) bis zum oberen E (MIDI# 88). Neben dem virtuellen Spieltische mit den Manualen und fünf Register"zügen" ist auf dem Bildschirm noch reichlich Platz für die Darstellung der schönen zeittypischen Verzierungen auf dem Inneren des Kastens. Die mit .rar komprimierte Rohdatei umfasst etwa 3,5 GByte - ein Zeichen für Samples mit Einzellängen von 2 bis 7 MByte (den Lautenzug ausgenommen). Bei der unkompliziert ablaufenden Installation werden sowohl die A/B- als auch die X/Y- Aufstellung geladen. Aus Qualitätsgründen sollte man immer das 24-Bit-Format wählen, sofern die Audiokarte dies zulässt.

Virtueller Gesamtspieltisch

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Am Klang des Sample-Sets zeigen sich die in nunmehr fast 10 Jahren erarbeiteten Erkenntnisse bei der Übertragung von Originalklängen per Sampling in Verbindung mit der ebenfalls fortgeschrittenen Digitaltechnologie. Das virtuelle Instrument ist in sich ausgeglichen, geradezu opulent von seinem tonalen Charakter her, dabei zart, unaufdringlich, bei der A/B-Version gut in der Abhörbasis verteilt und sowohl ohne unangenehme Reflexionen als auch frei von Artefakten, die bei MP3-Dateien sehr schnell lästig werden können. Der Klangunterschied der beiden Achtfußregister kommt deutlich heraus. Schnell kann man beim Spielen vergessen, dass der Klang des Rückers-Nachbaus aus einem Lautsprecher kommt oder über Kopfhörer transportiert wird.
Allerdings können die unvermeidlichen Klopfgeräusche der zurückschnellenden Docken auf dem Vorsatzbrett sehr schnell unangenehm werden, wenn man die Abhörlautstärke höher einstellt, als das Instrument in der Realität klingt, denn beim Sample-Satz hat man sie nicht verringert. Bei Lautsprecherwiedergabe wird man erst dann einen optimalen Höreindruck haben, wenn ein Box mit wirklich 'schnellen' Hochtönern an einem hochqualitativen Verstärker angeschlossen ist. Und während ein reales Cembalo mit seiner etwa 2 qm großen strahlenden Fläche frei im Raum steht, erzeugen Boxen unweigerlich mehr oder weniger störende Raumresonanzen, besonders wenn sie in einem Regal stehen. Anstelle des beim Original sonoren, tieffrequenten und gut ausbalancierten Strömens der Bass-Saiten hört man dann einzelne, durch eine bumsige Resonanz hervorgehobene Töne. In dieser Hinsicht ist ein Cembalo anspruchsvoller als eine Orgel, bei der es wieder auf andere Kriterien ankommt. Für diese Besprechung wurden die Aktivboxen A7X von Adam Audio, Berlin, mit ihren gefalteten und weit über den Hörbereich abstrahlenden Bändchenhochtönern eingesetzt, es dürfte jedoch noch viele andere Systeme geben, die sich für anspruchsvolle Reproduktion eines Cembalo-Sounds eignen.
Angesichts des vergleichsweise geringen Preises unter 50 Euro mag man darüber hinwegsehen, dass die grafische Darstellung recht einfach ist: Klick auf die Tasten bewegt die virtuellen Manuale nicht sichtbar, sondern ein winziges erleuchtetes Feld darüber zeigt die Betätigung an. Zudem ist die Koordination zwischen Tastenklick und erzeugten Ton um einen Halbton verschoben. Für das praktische Spiel dürften diese Einschränkungen allerdings ohne Bedeutung sein.
Wer einen Orgelspieltisch mit den üblichen 61 Tasten besitzt, kann ohne Eingriffe in die Tastaturzuordnung unterhalb des C (MIDI# 36) vorkommende Noten leider nicht erreichen - ein Handicap, das nur mit einem Manual zu umgehen ist, wenn es einen nach unten erweiterten Tastaturumfang hat. Selbst der Sample-Satz erreicht nur das G (MIDI# 31), während ein F z. B. bei Duphly-Werken öfters vorkommt. Zum Zeitpunkt der Textlegung gab es noch keine Demo-Clips. Wer in YouTube einige Videos stellvertretend unter 'Ruckers' aufruft sollte bedenken, dass es viele Modelle gibt, die recht unterschiedlichen Klang produzieren und stets kräftige Datenreduktion eingesetzt wird, die der Wiedergabequalität keinesfall förderlich ist. Nicht nur daran gemessen schneidet der vorliegende Sample-Satz insgesamt vorzüglich ab.

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