Die Walcker-Orgel von Wildervank (Demo)

Im Jahr 1913 baute die Firma E. F. Walcker aus Ludwigsburg eine Orgel für die Große Kirche, einem liturgischen Zentrum in Wildervank hoch im Norden der Niederlande. Das Instrument mit der Opus-Nr. 1747 und 24 Registern - eine Stiftung der Groninger Famile Bosch an die Kirche - besaß zwei Manuale für Haupt- und Schwellwerk sowie Pedal. Im Gegensatz zu einer größeren Orgel im Gelderlandschen Doesburg vom gleichen Orgelbauer arbeitete sie mit pneumatischer Traktion. Nach dem Tod von Jan Bosch 1960 setzte zusehends ein Verfall ein, da für Instrumente diese Bauperiode kaum noch Interesse bestand. Einige Gemeindemitglieder waren jedoch um eine komplette Instandsetzung bemüht, bei der auch mancher nicht gelungene klanglicher Eingriff in Richtung Neo-Barock aus den 60-er Jaren des letzten Jahrhunderts beseitigt werden sollte.
Erst im Jahr 2002 wurde die Orgel dann umfassend restauriert, wobei man die ursprüngliche Disposition als typisches Beispiel deutscher Romantik rekonstruieren konnte. Auch das zu seiner Zeit seltene Synthematophon 8' ist nun wieder im Schwellwerk vorhanden. Dieses von Walcker patentierte Register wirkt als Starktonstimme des Prinzipalchores mit doppelten Labien, die sich gegenüberliegen. Die Pfeifen entwickeln einen viermal so starken Ton wie ein gewöhnlicher Prinzipal; ähnliche Konstruktionen gibt es u. a. in der Hamburger Michaeliskirche und der Musikhalle. Anstelle der pneumatischen Traktur hat man allerdings ein schnelleres und zuverlässigeres elektro-pneumatisches System eingeführt.

Gesampelt haben das Instrument die Herren Dirk Swama und Jaap Plaisier von Virtual Organs NL. Diese Besprechung bezieht sich auf eine frei von der Website ladbare, zweimanualige Demo-Ausführung mit immerhin 11 Registern, sechs Koppeln (inklusive Sub- und Superoktav-Koppeln), Tremulant, einem Schweller sowie je fünf Setzern für beide Manuale und Pedal. Das Ganze ergibt eine durchaus spielbare Zusammenstellung, die sich besonders für Übungszwecke anbietet.
Der Sample-Satz nutzt nicht die Hauptwerk möglichen Release-Layers, mit denen mögliche Nebengeräusche, die beim Abheben von Tasten in schnell gespielten Passagen entstehen, reduziert werden. Allerdings nimmt prinzipbedingt der Störeffekt mit der Länge des Nachhalls zu; da dieser hier etwa drei Sekunden beträgt, hält sich der Effekt in Grenzen. Die Disposition entnimmt man am besten dem virtuellen Spieltisch, der in seiner einfachen Gestaltung an die allererste Version von Hauptwerk erinnert. Immerhin ist mit der

Der virtuelle Gesamtspieltisch

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Es handelt sich um ein Erstlingswerk, bei dem man offensichtlich nicht zuviel Aufwand treiben und gleichzeitig den Markt auf künftige Abnehmer abschätzen möchte. Erste Stimmen aus dem Hauptwerk-Forum wollen dem Instrument einen gewissen elektronischen Klang beimessen; ob das wirklich so ist, kann jeder selbst anhand der (nicht mit Nachhall verschönten) Clips auf den Virtual-Organs Seiten beurteilen (siehe Orgels/Instrumenten -> Walckerorgel). Auf der gleichen Seite ist auch der Link zum Download des Demo-Satzes. Das Sampling - dies lässt sich mit Bestimmtheit feststellen - ist durchaus gelungen. Alle Register sind in sich über den Manualumfang ausgeglichen und zeichnen sich durch angenehme Verschmelzung mit insgesamt milder Obertönigkeit aus - immerhin Jahrgang 1913!- wobei der Subbass 16' (wie zu ersehen als Holzgedackt ausgeführt) durch seine Vorläufertöne auffällt, die man nun akzeptieren mag oder nicht.
Von der klanglichen Seite her gibt sich die Übertragung vielversprechend, so dass man auf die endgültige Version gespannt sein darf; jedenfalls sind keine Ausreißer zu vernehmen, die sich nicht durch milden Eingriff in die Intonation beherrschen ließen. Den Kirchenraum hat man hörbar, aber keinesfalls transparenzverschleiernd einbezogen, so dass sich ein akzeptabler Gesamtklang sowohl über Lautsprecher als auch mit Kopfhörer einstellt. Schon in seiner Demo-Variante ist der Wildervank-Satz der nun jahrelang kostenlos erhältlichen und als Einsteiger-Satz beliebten Ott-Orgel bei Registerumfang, dem dem unabhängigen Pedal und der 8'-Trompete im Schwellwerk als einzige Zungenstimme überlegen.
Dennoch wird man von einer auf wenige Register reduzierten Serienorgel weder ausgesprochen Eigenständiges noch die klanglichen Mittel des kompletten Opus erwarten dürfen, die seiner Schaffensperiode entsprechen. Zieht man den bescheidenen RAM-Bedarf in Betracht, so eignet sie sich vorzüglich für Hauptwerk-Interessenten, die erste Eindrücke von dieser Software unter Verwendung der ebenfalls kostenlosen Free Edition ohne weitere Budgetbelastung sammeln wollen. Eine Vollversion mit 25 Stimmen, darunter das erwähnte Synthematophon 8', soll noch innerhalb des Jahres 2010 erhältlich sein.

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