Die Furtwängler&Hammer-Orgel in Wustrow/Wendland

Im Jahre 1845 erhielt die Sankt-Laurentius-Kirche von Wustrow, gelegen im niedersächsischen Wendland, eine Orgel aus der Werkstatt des Hoforgelbauers Ernst Wilhelm Meyer, Hannover. Anstatt das in die Jahre gekommene Instruemnt zu renovieren, entschloss sich die Gemeinde 1915 auf Anraten der Orgelbaufirma Furtwängler & Hammer aus Hannover für einen Neubau. Ein Vorgängerunternehmen für diese 1883 gegründete Firma gab es bereits seit 1838. Man war zukunftsorientiert: Statt die weit verbreiteten Schleifladen einzusetzen, baute man zunächst Orgelwerke mit mechanischen, später mit pneumatischen Kegelladen, Röhrenpneumatik und Taschenladen, bis 1907 schließlich das erste Instrument mit elektropneumatischer Traktur fertiggestellt wurde. Um diese Zeit zählte Furtwängler & Hammer zu den großen deutschen Werkstätten des spätromantischen Orgelbaus.
Das neue Instrument sollte - so der Wunsch der Gemeinde - nicht nur im Gottesdienst verwendet werden, sondern auch den künstlerischen Ansprüchen eines Konzertbetriebs genügen. Das Gehäuse der Vorgängerorgel blieb vermutlich aus Kostengründen erhalten, allerdings nun ohne klingende Prospektpfeifen. Im Kriegsjahr 1915 wurde die neue Orgel aufgestellt, die 7995 Reichsmark kostete. Durch den Stromanschluss der Kirche sorgte inzwischen ein netzbetriebenes Gebläse für die Windversorgung. Die Orgel wurde in der hannoverschen Werkstatt soweit vorgefertigt, dass die Aufstellung nur einen Monat dauerte.

Nach fast 80 Jahren bekam der Orgelbaumeister Rietzsch aus Hemmingen 1992 den Auftrag für eine gründliche Restaurierung, die auch zur vollen Zufriedenheit aller ausfiel. Durch die für die Bauzeit typischen vielen 8'-Register ergibt sich ein recht "warmer" Klang. Die vielfältigen Koppelmöglichkeiten und Oktavierungen erlauben eine Vielzahl von Klangabstimmungen und dynamischen Varianten (Jalousie-Schweller im II. Manual).
Das Wustrower Instrument fällt in eine Epoche des Orgelbaues, deren Klangideal auf Homogenität und Grundtönigkeit im Gesamtklang großen Wert legte. Beeinflußt von den ineinander fließenden Farben des Orchesters Wagners und Richard Strauss´ unterschieden sich diese Orgeln grundsätzlich von den Orgeln des Barock; man fasste sie als symphonischen Klangkörper auf, dessen Teilwerke, die oft in einem zur Lautstärkedifferenzierung mit Jalousien versehenen Kasten stehen, sich dynamisch unterscheiden. Den Fundus bildet eine breite Palette von grundtönigen Registern in gleicher Lage und Mixturen. Während diese im Barock dem Instrumentalklang einen "strahlenden" Charakter verleiht, dienen sie (jetzt tieferklingender angelegt) in der Spätromantik ebenfalls dazu, die Grundtönigkeit zu verstärken. Wohlgemerkt ist dieser stilistische Wandel des Orgelbaus kennzeichnend für einen Zeitraum vor demjenigen, der als "Orgelbewegung" nach 1918 in vieler Hinsicht konträr dazu entscheidend für die Weiterentwicklung des Orgelbaues werden sollte.
Unter diesen Prämissen sollte auch das Instrument in Wustrow gesehen werden, das Dirks Organs als Sample-Satz anbietet. Mit acht Registern im Hauptwerk (eine Trompete 8' als Zungenstimme), sechs Labialen (fünf davon in 8'-Lage) im Schwellwerk und fünf Registern im Pedal (darunter drei 16'-Stimmen) ist kein von Glanz erfülltes Plenum zu erwarten, sondern eher eine bei geschickter Registrierung überraschende Vielfalt an Möglichkeiten zur Grundstimmen-Differenzierung.
Es gibt zwei Darstellungen für den virtuellen Spieltisch; einmal sind alle Bedienelemente und ein Teil der Speicherknöpfe zugänglich, die andere enthält nur die Registerwippen von Haupt- und Schwellwerk, Pedal sowie neben dem Schweller die 12 Kombinationenspeicherknöpfe mit Set und Cancel. Registerwippen wie beim Original vorhanden haben den Vorteil, dass sie sich gut aneinanderreihen lassen und mit eindeutig beschrifteten Schildchen für die Werkzuordnung zu versehen sind. Allerdings bietet ein Wippe eben nicht den gleichen Platz für die Registernamen wie die Fläche eines Manubriums. Dies ist auch hier der Fall, so dass die Registernamen recht klein ausfallen. Die Statusanzeige zwischen gezogen und abgeworfen hat man dagegen ausgesprochen gut erkennbar durch Farbänderung der gesamten Wippe gelöst.

Virtueller GesamtspieltischHauptelemente

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Bei den Angaben zum Sample-Satz fehlen Informationen zum benötigten Speicherplatz; die entpackte RAR-Datei nimmt ungefähr 800 MByte ein und lässt erwarten, dass 1 GByte freies RAM ausreichen sollten. Hier fallen die relativ wenigen Register und das zurückhaltende Ambiente ins Gewicht. Damit eignet sich die Orgel von Furtwängler & Hammer besonders für Hauptwerkfreunde, die (noch) keine Speichererweiterung vornehmen wollen, ohne jedoch auf zu große Kompromisse bei den zur Verfügung stehenden Klangfarben eingehen zu müssen. Mehrere Loops und Multi-Releases sind vorhanden, wobei letztere wegen des kurzen Nachhalls ohnehin kaum Artefakte erzeugen dürften.
Dass es sich eine Anschaffung lohnt, zeigen unter u. a. die Demo-Clips auf den Seiten von Dirks mit Einzelregistern und Werken von Liszt, Mendelssohn und Eben. Auf der niederländischen Web Site www.pcorgan.com hat man sich ein sinnvolles Konzept ausgedacht, die angebotenen Hauptwerk-Sample-Sätze mit immer den gleichen (MIDI-)Dateien von Werken quer durch die Jahrhunderte zu füttern, so dass man recht schnell zu Vergleichen gelangt. Dabei kann das Wustrow-Opus durchaus seine Qualitäten zeigen. Das Kircheninnere steuert eine zurückhaltende Räumlichkeit bei, die das Instrument wegen der kräftigen Erstreflexionen dennoch etwas in die Entfernung rücken, ohne dass unangenehme Stehwellen zu vernehmen wären.
Erst nach dem Laden und damit dem Zugriff zu Einzeltönen fielen einige Unausgeglichenheiten innerhalb der Register auf, die offensichtlich so vom Original übernommen wurden; nicht alle davon sind per Intonation zu mildern. Einige Beispiele: So war die Aeoline im Schwellwerk durchwegs gegenüber den anderen Registern zu schwach, selbst wenn man die generell zurückhaltendere Lautstärke dieses Werkes im Vergleich zum Hauptwerk - und dies trotz voll göffnetem Schweller - berücksichtigt. Ausreißer wie das f (MIDI # 64) der gleichen Stimme, die sich klanglich zu sehr von den Nachbarn absetzen, würde man wohl besser elektronisch durch einen gepitchten Nachbarton ersetzen. Auch im Pedal gibt es einige Stöße bei den spektrale Anteilen innerhalb der 8'- aber besonders in den sonst charaktervollen 16'-Stimmen. Vielleicht entschließt sich Dr. Dirk Menzenbach, dieses frühe Sample-Satz-Opus aus seinem Hause nochmals zu überarbeiten; es könnte diesem durchaus seinen Stellenwert einnehmenden, farbenreichen Repräsentanten des Orgelbaus um die Jahrhundertwende noch zusätzlich zu einem verdienten Platz verhelfen.

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