Die Schnitger/Flentrop-Orgel der Groote Kerk von Zwolle

Sample-Aufnahme in der Groote Kerk von Zwolle.
Das eichene und reich mit Figuren verzierte Orgelgehäuse ist mächtiger, als es auf diesem Foto erscheint.

Es gibt wohl keine andere Orgel, die in Fachkreisen als auch bereits bei der Ankündigung des Sample-Satzes unter den Hauptwerkfreunden so unterschiedliche Reaktionen und Meinungen über ihre zukünftige "richtige" Disposition auslöst, wie das Instrument in der St.-Michaelskirche - auch die "Große" genannt - zu Zwolle. Sonus Paradisi hat es im Rahmen eines Forschungsprojektes gesampelt und den Bestand an Hauptwerk-Sample-Sätzen damit um ein bedeutendes Opus der Schnitgerfamilie - sozusagen als Momentaufnahme aus dem Jahr 2007 - bereichert.
Ursprünglich hatte die von von 1406 bis 1446 erbaute Kirche - eines der bedeutendsten Bauwerke der Region - drei Orgeln, zwei kleinere und eine große. Von letzterer sind erste Kenntnisse aus dem Jahre 1505 vorhanden. 1669 war der Turm durch Blitzschlag in Brand geraten und stürzte 1682 ein; dabei vernichtete er die an der Turmwand liegende, ehemals als Blockwerk erbaute Orgel. Man lagerte die Reste und konnte sich wegen Geldmangels über 30 Jahre keinen Neuaufbau leisten. Dann wurde der Wunsch nach einem neuen Instrument immer reger; irgendwann trug eine großzügige Stiftung dazu bei, dass man schließlich an eine solche Unternehmung denken konnte.
Der Zufall wollte es im Jahre 1718, dass ein Kaufmann aus Zwolle bei einem Geschäftsbesuch in Hamburg mit Vincent Lübeck, seinerzeit Organist in Sankt Nicolai, über den Wiederaufbau ins Gespräch kam. Lübeck empfahl Arp Schnitger, der damals als langjähriger Orgelbauer einen ausgezeichneten Ruf (auch in den Niederlanden) hatte. Das daraufhin ausgefertigte Schreiben Lübecks an den Magistrat von Zwolle - hier stark verkürzt dem Buch "Arp Schnitger und seine Schule" von Gustav Fock entnommen - ist gleichzeitig ein Zeugnis für die lebendige Verbindung zwischen der Hansestadt und den niederländischen Verwaltungsinstitutionen. Dass es in einwandfreiem (damaligem) Niederländisch abgefasst ist, erklärt sich durch den in Hamburg durchaus üblichen Gebrauch dieser Sprache bei kaufmännischen Transaktionen.
Zitat: "...als organist van de hoeftkerke hier tot (zu) Hamburg : St. Nicolay genoembd (genannt) : hebbe ick my de Eere nemen willen, eenen Vorslag te doen van een in de waereld hoog beroembd, en (und) in Syne Konst grondelyk ervaeren Meester, genoembd Arp Snitgger, hier in Hamb. Woonhaft, die in veel groote en klyne Plaetsen Sigh hefft beliefft gemaecket...". Zitat Ende. Danach folgt eine Aufzählung von Orgeln, die Schnitger in verschiedenen Orten gebaut hatte. Diese eindringliche Empfehlung von einer weithin bekannten Organistenpersönlichkeit gab den Anlass zu einem Auftrag an Arp Schnitger zum Neubau einer Orgel.

Der zu Beginn des Jahres 1719 unterzeichnete Vertrag umfasste eine Orgel mit 46 Registern in Ober- und Untermanual, Rückpositiv und Pedal. Da Arp Schnitger einige Monate nach Baubeginn starb, setzten seine Söhne Frans Caspar und Johann Georg Schnitger die Arbeit fort. Bei der zwölf Tage währenden Orgelprüfung im Jahr 1721 durch drei Experten stellte man fest, dass insgesamt 63 Register vorhanden waren, obwohl in einem zweiten Vertrag noch eine zusätzliches viertes Werk, das Brustwerk, mit 11 Registern vereinbart wurde. Die sechs über die Verträge hinausgehenden Register sind Prinzipal 2', Trompete 4', Cimbel 3st., Fagot 16', Flachfluit 2', Fagot 32' (!), zwei Koppeln, drei Ventile und ein Balg. Zudem hatten die Brüder Schnitger manche gemischte Stimmen stärker besetzt, teiweise teureres Material für die Pfeifen verwendet und recht kostspielige Verbessungen innerhalb der Disposition vorgenommen.
Anmerkung von Orgelbits: Hier tun sich offensichtliche Parallelen zum Verhalten Silbermanns auf, der häufig über vertraglich vereinbarte Leistungen hinausging, um ein Werk in seinen Augen perfekter zu gestalten.
Zwar gab es einige Kritikpunkte wie z. B. die Stimmung der Orgel auf den Chorton, der höher als die sonst übliche Praxis in den Niederlanden war, außerdem fand man einige Stimmen nicht kräftig genug oder bemängelte ihre Qualität. Die Brüder Schnitger widerlegten diese Argumente, so dass vorgeschlagene Modifikationen nicht ausgeführt wurden. Bis zu seinem Tod 1729 oblag Franz Caspar Schnitger die Wartung des Instrumentes; danach übernahm sie Albertus Anthoni Hinsz als Nachfolger im Famlienunternehmen. Er hatte die Witwe Caspars geheiratet. Im Jahr 1751 führte A.A. Hinsch ein große Reparatur aus Die heutige Disposition des Instrumentes mit Hinweisen zu Veränderungen bis in die Gegenwart findet sich hier.
Im Jahr 1837 stimmte Petrus van Oeckelen die Orgel auf gleichschwebende Temperatur um; weitere Änderungen gab es 1873 durch J. C. Scheur (Zwolle). Besonders nachteilig erwiesen sich 1882 durch van Oeckelen-Groningen vorgenommene Eingriffe an Mixturen und einigen Zungenstimmen. Weiter Änderungen erfolgten 1910 und 1925. Nach dem zweiten Weltkrieg zeigte sich eine Überholung von Grund auf als unumgänglich. Die damit beauftragte Firma Flentrop/Zaandam übernahm diese Aufgabe in den Jahren 1953 bis 1955; sie fand eine "chaotische Sammlung von Pfeifen" vor, die jedoch genügende Material enthielt, um die orginalen Schnitgerschen Mensuren zu rekonstruieren.
Der Rückbau umfasste die Reparatur des Pfeifenbestandes, das Belegen der Manuale mit neuem Elfenbein und die Konstruktion einer neuen Pedalklaviatur. Obwohl einige der späteren Modifikationen dabei erhalten blieben, stellte man die Disposition Schnitgers unter Nutzung des Originalmaterials so gut wie möglich wieder her. Wenn nötig, ergänzte man sie mit von Flentrop gefertigten Pfeifen, hergestellt nach den abgenommenen Mensuren.
Angesichts des neobarocken Klangideals der 50-er Jahre, kann man, so Jiri Zurek, die Restaurierung als wohlüberlegt ansehen. Inzwischen haben sich jedoch die Ansicht über ideale Orgeln geändert und das Wissen über Restaurationsmöglichkeiten verbessert. Flentrop nahm daher in den letzten beiden Jahrzehnten einige Korrekturen an der Intonation vor, um sich dem Original möglichst noch stärker anzunähern. Die Prozess ist immer noch im Gange. Sonus Paradisi wurde deshalb eingeladen, den Stand der Dinge zu dokumentieren. Details dazu kann man (in Englisch) auf der History-Seite der Zwolle-Orgel nachlesen. Da aber Intonation allein wohl kaum das aufgeweichte barocke Werkprinzip wieder zurückbringen kann, dürfte sich die Zukunft dieses Instruments interessant gestalten - immer in der Hoffung, dass es genügend finanzielle Ressourcen vor der Stillegung bewahren.
Die Gesamtdarstellung des virtuellen Spieltisches gibt sich vergleichsweise karg, sind doch einige Manubrien nur als kleine weisse Flächen ohne Funktion angedeutet. Manuale und Pedal lassen sich jedoch per Maus bewegen und können zu einer ersten Überprüfung der Installation dienen. Das Bildschirmfenster mit Manubrien für Register, Koppeln, Tremulant, Windabstellern, Kalkantenruf und den (nur im virtuellen Instrument vorhandenen) Setzern reicht trotz der großen Anzahl von Elementen für eine zugriffssichere Bedienung per Maus oder Touchscreen aus.
Im Gegensatz zum Vorbild hat man die virtuellen Züge für Rugwerk, Hoofdwerk, Pedaal, Bovenpositief und Borstwerk ins Senkrechte verlegt. Da die Beleuchtung bei Aktivierung ung der Manubrien seit dem Update sehr gut zu erkennen ist und dazu noch von einer Farbcodierung für die einzelnen Werke unterstützt wird, findet man sich schnell und sicher zurecht. Die Manubrienumschaltung ist nicht nur auf ihre eigentliche Darstellung beschränkt; auch die Beschriftungsfenster sind in die Funktion mit einbezogen und dürften damit die Treffsicherheit erhöhen.


Der virtuelle SpieltischFenster mit Registern, Koppeln, Setzern und Abstellern

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Nach dem Einschalten gibt es zunächst keine Windversorgung; bevor man also der Orgel einen Ton zu entlocken vermag, ist der Afsluiter des entsprechenden Werkes zu aktivieren - ein für das virtuelle Instrument überflüssiger Vorgang, der beim Original jedoch der Ökonomie der Windversorgung dient. Auch die Kalkantenklok soll wohl eher eine Reminiszenz an das Vorbild sein. Hinter der Bezeichnung 'Koppelingen' unten rechts verbirgt sich eine ursprünglich bei der Übertragung vergessene Koppel Borstwerk - Bovenpositief. Sie ist beim Vorbild als Schiebekoppel zwischen den entsprechenden Manualen ausgeführt und wird in einem Update des Sets berücksichtigt.
Wer die DVDs erwirbt, erhält drei (unverschlüsselte) Sample-Sätze im Format 24 Bit / 48 kHz, die ab HW 2.00 nutzbar und alle für sich zu installieren sind: eine trockene, eine hallige und eine bereits für Surround-Ton konfigurierte Orgel. Diese enthält den Originalhall von etwa 5 s für einen Stereo-Front- sowie einen Rückkanal und setzt eine mehrkanalfähige Audiokarte voraus.
Sonus Paradisi bietet auf seinen Seiten mehrere Update-Dateien an; sie erweitern den Umfang der Manuale von 49 auf 54 und das Pedal von 27 auf 30 Noten. Wenn man schon dabei ist, die Erweiterungen herunter zu laden (sie berücksichtigen auch einige kleinere Fehler), sollte man bei dieser Gelegenheit die zwei Temperaturdateien mit einbeziehen. Sie erlauben es, um das Instrument konform, d. h. ohne Pitchingprobleme trotz der Chorton-Stimmung von a=491,6 Hz entweder temperiert oder mitteltönig umzustimmen. Es ist wichtig, diese rar-Dateien anstelle etwa bereits für andere Orgeln vorhandender zu verwenden, weil sich nur dann Terzen enthaltende Register (Cimbel, Tertian, Sesquialter) wirklich verschmelzend einfügen. Jiri Zurek empfiehlt, generell die mitteltönige Variante vorzuziehen, weil das Plenum in seinem Gesamtspektrum deutlich kompakter ist.
Ein Instrument diesen Umfangs stellt - neben der empfohlenen Bildschirmauflösung von 1240 x 1024 Bildpunkten - selbstverständlich gehobene Ansprüche an die RAM-Ausstattung des Rechners. Hierzu gibt es sehr konkrete Angaben, so dass man schon im Voraus einschätzen kann, welchen Umfang der eigene Rechner erlaubt. Die hallarme Orgel verhält sich klar erkennbar bescheidener, weil die reine Datenmenge der Samples geringer ist. Die Skalierung reicht von 3 GByte RAM für die 'trockene' Variante bei eingeschalteter Kompression und 16-Bit-Format bis zu 15,2 GByte (Geräusche 16 Bit komprimiert, Pedal 24 Bit komprimiert und alle anderen Register 24 Bit unkomprimiert). Die Surroundversion belegt 12 GByte bei 24 Bit Auflösung, Mehrfach-Release und allen Loops, wobei aber auch 25 GByte Speicherplatz auf der Harddisk frei sein müssen.
Sei noch hinzugefügt, dass es auch eine kompatible Version für HW1 gibt, die jedoch alle klanglichen Nachteile der fehlenden Multi-Release-Technik mit sich trägt, während die ab HW 2.00 einsetzbare Variante je Pfeifen-Sample mit zwei Release-Phasen (staccato, legato) ausgestattet ist. Jeglicher Ansatz zu einem klanglichen Vergleich erübrigt sich daher.
Für die klangliche Beurteilung der Orgel in Zwolle zieht man am besten die reichlich angebotenen Beispiele heran, die auf der Demoseite mit lobenswerter Beschreibung der Formatdetails aufgelistet sind. Da gibt es reichlich Beispiele von den drei barocken B-Meistern Buxtehude, Bach und Bruhns als wav- und als MP3-Datei für die 'nasse' Version sowie per Faltung mit Raum versehene Clips für die trockene. Die zugehörige Impulsdatei - darauf wird ausdrücklich hingewiesen - entstammt nicht dem Kircheraum in Zwolle. Eine Premiere unter den Demobeispielen für Hauptwerkinstrumente stellen dabei diejenigen der Surroundversion dar. Hier wird das wma-Format genutzt, das natürlich im Rechner entsprechend zu konfigurieren ist. Wie anders will man sonst die Surroundwirkung auf der eigenen Anlage nachvollziehen?
Was für die Klangdemos gilt, hat auch für das Spielen auf der Schnitger/Flentrop-Orgel (so heisst es auf der Beschilderung am Spieltisch) Gültigkeit. Wer eine Mehrkanal-Audiokarte mit entsprechender Lautsprecheranordnung nutzen kann, sollte die unbedingt tun, um die klangliche Auflösung um ein gutes Stück zu verbesseren. Dazu genügen fürs Erste schon vier Kanäle für Vorder- und Rückseite.
Was sich sonst insgesamt etwas 'angeschleiert' (bei der halligen Version war das Mikrofon immmerhin 10 Meter vor der Orgel positioniert), diffus und mit recht zurückhaltendem Pfeifencharakter zwischen den Stereolautsprechern (oder geringfügig besser im Kopfhörer) tut, entfaltet schon bei Vierkanalabstrahlung deutlich mehr Durchsichtigkeit, erlaubt angenehme Differenzierung der Grundstimmen, verleiht Flöten sowie engmensurierten Registern mehr Charakter und hebt die Zungenstimmen heraus. Den Zugewinn an Auflösung (und Gefühl des Eingebettetseins im Raum) kann man mit weiterer Kanalaufteilung noch weiter vergrößern.
Als willkommener Nebeneffekt verringern sich zudem die Raummoden mit ihren lästigen Resonanzüberhöhungen - dies natürlich besonders beim Fagot 32' und Basuin 16' im Pedal. Wer genug Geduld mitbringt, kann versuchen, den Schnitgerschen Bestand an Registern anhand der Registrierungen zu den einzelnen Werken zu identifizieren; dies mag bei der trockenen Version, die wiederum ihre Handicaps bei der Klangentfaltung hat, etwas leichter sein.
Für denjenigen, der das Instrument in Hauptwerk selber spielen möchte, ist wahrscheinlich die ideale Lösung eine programmeigenen Faltungsfunktion, mit der man den Raum ausgesprochen fein dosieren kann. Die Gewichtung der einzelnen Oktavlagen vom 32' über Grundstimmen, Harmonischen zu Mixturen ist - soweit sich das ohne direkten Vergleich mit dem Original feststellen lässt - stimmig, zumal kleinere Korrekturen immer noch mit der Intonationsfunktion vorzunehmen wären. Auch hier zeigt sich, dass größere Instrumente mit ihrer Farbenvielfalt und per Hauptwerk im eigenen Ambiente gespielt, eine konkrete Bereicherung im musikalischen Leben darstellen.
Bei den heute aktuellen, eingangs erwähnten Kontroversen um das Vorbildinstrument steht die Frage im Mittelpunkt, wie weit man bei einem möglichen Rückbau des Originals auf den Ursprungszustand gehen soll, da einige der ergänzten Stimmen durchaus im Sinne einer Vergrößerung des spielbaren Repertoires einen unbestreitbaren Wert haben. Hauptwerk bietet die Chance, alle diese Vorgänge getreulich und damit den 'Lebensweg' einer Orgel auch über längere Perioden zu dokumentieren und einer wachsenden Gruppe von Orgelfreunden auf eigene Art zugänglich zu machen. Aber auch beim virtuellen Abbild bieten sich noch Verfeinerungen, von denen wir einige in Verbindung mit einer neuen Hauptwerk-Ausgabe wohl bald erfahren werden.

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